Der Türöffner für eine wettbewerbsfähige Industrie – Open Source einfach erklärt

Juli 2, 2020 | in Open Source | von Julian Feinauer 

Open Source ist ein Entwicklungsansatz mit Ursprung im Softwarebereich. Im Prinzip dreht sich Open Source darum wie mit dem sogenannten Quellcode umgegangen wird. Der Quellcode beschreibt den Aufbau der Software und wie sie arbeitet, dieser Code erfordert meist sehr zeitintensive Entwicklungsarbeit. Er kann also als DNA einer Software bezeichnet werden.  

Um die eigene Leistung zu schützen, halten viele Unternehmen den Quellcode ihrer Software unter Verschluss, abgesichert durch Lizenzen. Nicht so bei Open Source und genau da liegt der Unterschied. Durch Open Source entstand im Jahr 1998 eine Bewegung, die Transparenz als Vorteil erkannt hat und heute maßgeblich die Softwareentwicklung beeinflusst. Eine Software gilt als Open Source, wenn jeder den Quellcode einsehen, verändern, nutzen und für eigene Zwecke nach eigenen Vorstellungen erweitern darf. Die meisten Computernutzer profitieren heutzutage von Open Source entwickelter Software. Auch als Neuling in diesem Bereich können Sie ausschlaggebend von Open Source profitieren, mehr dazu erfahren Sie hier!

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte von Open Source 

Als Beginn der Open Source Kultur gilt das Jahr 1998. Damals beschloss das Unternehmen Netscape den Quellcode seines Browsers ‘Netscape Navigator’ frei zu veröffentlichen, um im Konkurrenzkampf mit dem beliebten Microsoft Internet Explorer eine neue Strategie zu erproben. Tausende Entwickler außerhalb der Netscape Organisation wurden angesprochen und eingeladen, an der Entwicklung eines neuen Browsers mitzuarbeiten. Aus diesem Projekt entstand später die Mozilla Foundation mit Sitz im kalifornischen Mountain View, eine offiziell gemeinnützige Organisation, welche heute überwiegend durch den Betrieb des Browsers Mozilla Firefox bekannt ist. Der Open Source Ansatz verbreitete sich schnell im Silicon Valley und ist heute ein maßgeblicher Teil der Programmier-Kultur in der Software-Szene. 

Was ist Open Source genau? 

Eine Software darf sich erst als Open Source bezeichnen, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllt. Dafür wurde im Jahr 1998 eine Open Source Initiative gegründet, die dem Schutz und der Verbreitung der Open Source Idee galt. Diese Initiative definiert zehn Kriterien für eine Open Source Software, die drei wichtigsten sind die Folgenden:

  1. Die Software mit ihrem Quellcode muss in lesbarer Form für jeden einsehbar vorliegen, etwa als Text oder in einer bekannten Programmiersprache.  
  1. Die Software darf nach Belieben kostenfrei genutzt, kopiert oder verbreitet werden.  
  1. Veränderungen und Erweiterung an der Software sind ohne Einschränkungen möglich und dürfen nicht durch Lizenzen verboten sein. 

Es gibt zahlreiche bekannte Beispiele für Open Source Software, die uns alltäglich begegnen. Dazu gehören beispielsweise der Browser Mozilla Firefox, das Betriebssystem Linux und Symbian, die Blogging Plattform WordPress oder die Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Wie so oft, begegnet Open Source auch einem gegenteiligem Part: die proprietäre Software, oder auch closed source. Der maßgeblichen Unterschied liegt darin, dass der Quellcode hier eben nur für die Entwickler einsehbar ist. Dies ist z.B. bei Microsoft Office oder bei Adobe Photoshop der Fall. Dabei bietet fast jede Software Kategorie eine kostenfreie Alternative zu einer käuflich erwerbbaren proprietären Software. Übernimmt eine Software Aufgaben bei beispielsweise Banken oder im medizinischen Bereich, handelt es sich meist um proprietäre Software, da die Sicherheitsanforderungen dementsprechend hoch sind.

Was sind die Vorteile von Open Source? 

Der Open Source Gedanke wurde zu einer echten Bewegung, das Prinzip des ‘Codens mit offenen Büchern’ hat sich zu einer Ehrensache unter Programmierern entwickelt. 

Jeder mit dem notwendigen Verständnis der Materie darf eine Open Source Software nutzen, modifizieren, weiterverbreiten und vor allem an ihr wachsen. Wenn ein Quellcode freigegeben ist, können andere Programmierer vom Aufbau der Software lernen und dadurch ihre eigenen Fähigkeiten erweitern. Die Vorteile, die dadurch entstehen sind vielseitig und enorm.

Hat ein Programmierer eine Schwachstelle in der Software entdeckt, kann er diese beseitigen oder der Community melden. So können Fehler und Sicherheitslecks unter Umständen schneller beseitigt werden als durch den Kundenservice der Herausgeber einer proprietären Software. Hat ein Programmierer ein neues Feature für eine Open Source Software entwickelt, kann er dieses problemlos hinzufügen und zur weiteren Bearbeitung und Nutzung freigeben. Dadurch erhält er Anerkennung in den entsprechenden Fachkreisen und kann seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Open Source Community wird dabei um einen weiteren Codeschnipsel bereichert, dieser darf wiederum weiterentwickelt und verbreitet werden.  

Einheitliche Programmiersprachen, globale Vernetzung in Echtzeit durch das Internet und die hohe Anzahl von Programmierern auf der ganzen Welt, sorgen für große Entwicklungsschübe bei Open Source Software. Ein Global Tribe, bestehend aus unterschiedlichsten Spezialisten, vereinigt im Ziel, durch Software die Welt zu verbessern, kann einen Output von ganz anderer Größe generieren als ein Team oder eine Abteilung eines Unternehmens. Und die Open Source Gemeinde wächst. Längst haben auch Software-Riesen wie z.B. Google die Innovationskraft des Systems Open Source erkannt und sind mit verschiedenen Initiativen, kommuniziert über die Plattform ‘Google Open Source, Teil der Szene. So können auch sie von den Ideen der Crowd profitieren. Denn in der Szene in Verruf zu geraten, will sich kaum einer noch leisten.  

Gibt es auch Nachteile? – Chancen und Risiken von Open Source 

Es gibt Fälle, in denen eine vom Unternehmen bereitgestellte Open Source Software, von Wettbewerbern so genutzt wurde, dass den Initiatoren daraus ein Schaden entstand und diese die Open Source Software Lizenz im Nachhinein eingeschränkt haben. So z.B. haben die Unternehmen Radis Labs und MongoDB in der Vergangenheit Lizenzen für ihre Software korrigiert. In beiden Fällen gab es viele Kopien ihrer Entwicklungen, ohne dass die beiden genannte Unternehmen von der Freigabe ihrer Software genügend profitierten. Ob der Open Source Ansatz für das eigene Unternehmen die richtige Wahl ist, hängt folglich stark von der Qualität des Codes sowie den Regeln des Ökosystems ab, in dem das Unternehmen agiert.  

Verbesserter Innovationsprozess durch Open Source 

Für die Innovationsprozesse und das Geschäftsmodell eines Unternehmens bietet der Open Source Ansatz viel Potenzial. Denn wenn bestimmte Ressourcen zur Erreichung eines Zieles in der eigenen Organisation nicht vorhanden sind, kann es sinnvoll sein, sich diese von externen Spezialisten einzuholen. Das spart eigene Kapazitäten und Ausgaben. Das Unternehmen erhält sein gewünschtes Produkt, die Open Source Community ein neues, frei verfügbares Element. Alternativ können mehrere Unternehmen, die an ähnlichen Funktionalitäten interessiert sind, sich die Entwicklung des Codes einfach und unbürokratisch aufteilen, indem jedes Unternehmen ein Feature oder eine Funktionalität beisteuert. In Summe erhalten so alle Unternehmen sämtliche Funktionen mit deutlich geringerem Kostenaufwand. Dadurch weist Open Source Ähnlichkeiten mit dem ‘Open Innovation Ansatz’ auf, bei dem eine Organisation ihre Kunden oder sogar die öffentliche Meinung zur Ideenfindung in ihren Innovationsprozess einbezieht. Open Source geht sogar noch weiter, da die Ergebnisse frei geteilt werden. Bezieht ein Unternehmen viele externe Entwickler im Rahmen eines Open Source Projektes mit ein, kann deutlich schneller entwickelt und Fehler zuverlässiger erkannt und korrigiert werden.  

Open Source – ein Prinzip, viele Branchen 

Gibt ein Unternehmen sein Wissen oder seine Software frei, geschieht dies nur selten aus altruistischen Motiven. Eigene Innovationen nicht zu patentieren, kann dazu beitragen Marktanteile zu gewinnen. Außerdem kann eine freigegebene Software unterstützen, einen Branchenstandard zu schaffen, durch dessen Verbreitung sich weitere lukrative Geschäftsmodelle ergeben. Wie zum Beispiel kostenpflichtige Zusatzprogramme oder Serviceleistungen zur Integration der Software in einen Betrieb. So kann beispielsweise jeder mit Internetzugang die Google Suchmaschine kostenlos nutzen. Geld verdient Google dann über den Traffic der Nutzer mit Werbeanzeigen. Das Geschäftsmodell ging auf und Google wurde Weltmarktführer. 

Ein anderes Beispiel ist der Autohersteller Tesla. Als ‘First Mover’ in der Elektromobilität hat Tesla die meisten seiner Patente der Öffentlichkeit und damit auch der Konkurrenz zur Verfügung gestellt. Offizielle Beweggründe von Tesla dafür sind, anderen Fahrzeugherstellern zu ermöglichen, ebenfalls erfolgreiche Elektroautos zu bauen, da Tesla es nicht alleine schaffen kann, den u.a. verkehrsbedingten Klimawandel zu stoppen. Im Grunde geht es aber auch darum, dass die gesamte Ladeinfrastruktur für batteriebetriebene Autos nicht von einem Hersteller alleine aufgebaut werden kann. Würden neben Tesla andere Hersteller ebenfalls in Ladestationen investieren, wäre es auch für Tesla deutlich einfacher seine Elektrofahrzeuge auf dem Markt zu etablieren und Marktanteile zu sichern. Diese Zusammenarbeit zum beiderseitigen Vorteil wird auch als Pflege des Open Source Ökosystems bezeichnet. 

Als Werkzeug für eine wettbewerbsfähige Industrie 

Open Source bietet Unternehmen große Chancen Eigenentwicklungen zu beschleunigen und zu verbreiten. Das Bewusstsein für die möglichen Folgen sollte jedoch immer vor Freigabe des eigenen Codes für die Open Source Community abgeschätzt werden. Die Vor- und Nachteile können dann von Beginn an in den Entscheidungsprozess mit einbezogen und bewertet werden. Grundsätzlich macht es aber in vielen Bereichen Sinn zu koopereieren, die von den Kunden nicht als Alleinstellungs- oder Differentierungsmerkmal gesehen werden. Sind die Risiken abgeschätzt, kann der Open Source Ansatz zum Treiber für Innovationen und neue Geschäftsmodelle im eigenen Unternehmen werden. 

Die Welt der Open Source Software ist groß und wertvoll aber auch etwas unübersichtlich.  

Gerade im Umfeld der Digitalisierung und der Industrie 4.0 gibt es eine Vielzahl von Projekten und es werden nahezu wöchentlich neue Projekte veröffentlicht. Wir bei pragmatic minds wollen gerade Unternehmen aus Mittelstand und Maschinenbau, die bisher keinen starken IT Fokus haben, dabei helfen sich in dieser Welt zurecht zu finden. Wir glauben, dass es nahezu unmöglich ist eine wettbewerbsfähige Industrie 4.0 Lösung zu entwickeln ohne bei den Komponenten auf bestehende Open Source Systeme zu setzen, da sonst Aufwand und Kosten deutlich zu hoch werden. Daher haben wir die Plattform “Industrial Open Source” gegründet auf der wir zusammen mit Partnern aus verschiedensten Bereichen alle nötigen Kompetenzen Rund um die Themen Industrie 4.0 und Open Source bündeln. So bieten wir Ihnen Unterstützung bei Themen wie der richtigen Architekturen für Ihre Industrie 4.0 Lösung, rechtliche Aspekte, Aufsetzen und Betrieb der benötigten Systeme, Anpassung und vieles mehr. Schauen Sie gerne auf der Webseite https://industrial-opensource.com vorbei, um sich einen Einblick zu verschaffen. 

Natürlich ist dies nur möglich, da wir von Anfang an bei pragmatic minds und pragmatic industries stark auf Open Source Software gesetzt haben und selbst sehr aktiv in der Weiterentwicklung einiger Projekte gemeinsam mit anderen Unternehmen beteiligt sind. Eines davon ist z.B. das Projekt Apache PLC4X bei dem quelloffene Schnittstellen zur Kommunikation mit Industriesteuerungen und Maschinen geschaffen werden. Ein anderes Projekt ist Apache IoTDB (incubating) bei dem eine Zeitreihen-Datenbank entwickelt wird mit der sich Maschinendaten extrem effizient und platzsparend speichern lassen. 

Wie stehen Sie zu Open Source und welche Erfahrungen haben sie damit gemacht? Wir freuen uns über Ihr Feedback